„Ich wurde für obdachlos gehalten – und wäre fast gestorben“

Helmuth H., 62 Jahre, lebt von Erwerbsunfähigkeitsrente und aufstockender Grundsicherung im Alter. Viele Krankheiten haben sein Leben geprägt. Herzinfarkt, Knieprobleme, leichte Demenz, Depressionen und Angstzustände. An einem heißen Juli-Tag letzten Jahres ging er auf Drängen seiner Frau zum Hausarzt. Schon seit ein paar Tagen plagte ihn eine schwere Grippe. Der Arzt untersuche ihn nur oberflächlich, diagnostizierte schnell eine einfache Erkältung und schickte ihn wieder weg.


Zusammenbruch auf der Straße

Doch Herr H. fand den Weg nicht mehr nach Hause, war verwirrt, brach letztendlich bei 35 Grad Außentemperatur in der Nähe einer Tramhaltestelle zusammen. Eine halbe Stunde verging, niemand half ihm. Er versuchte, auf allen Vieren Richtung Gehweg zu robben, konnte nicht mehr aufstehen. Durch den Sturz war seine Kleidung verschmutzt und sein Gebiss verloren gegangen. Viele dachten somit, dass es sich um einen betrunkenen Obdachlosen handelt – und gingen weiter.

Rettung in letzter Minute

Nach einer ewigen halben Stunde rief eine Passantin endlich einen Krankenwagen und den Notarzt. Im Krankenhaus stellten die Ärzte eine schwere Lungenentzündung und Nieren- versagen fest. Intensivstation. 15 Minuten später wäre er gestorben. Seine per Telefon alarmierte Frau eilte ins Krankenhaus und sah durch Zufall den Bericht der Sanitäter. „Stark verschmutzte Kleidung, keine Zähne im Mund. Obdachlos?“ Sie war entsetzt. „Mein Mann ist immer gepflegt, hat stets saubere Kleidung an, lässt sich nie gehen. Dass er als obdachlos abgestempelt und liegen gelassen wird, ist so was von unmenschlich. Einfach furchtbar. Er hätte sterben können. Es ist zudem ein Unding und unverantwortlich, dass der Arzt ihn in dem Zustand weggeschickt hat. Was ist bloß mit unserer Gesellschaft los?“


Die Scham ist groß

Gott sei Dank hat sich Herr H. von der Lungenentzündung wieder erholt. Dennoch fehlt
ihm seitdem ein Gebiss, er kann nicht beißen und schämt sich unter die Leute zu gehen. Tagelang hat seine Frau, selbst stark gehbehindert, nach dem Unfall an der Unglücksstelle nach dem Gebiss gesucht. Vergeblich. Der Zahnarzt hat bereits die Abdrücke gemacht, der Heil- und Kostenplan wurde der Krankenkasse eingereicht, dennoch muss Herr H. trotz „Härtefallregelung“ 185 Euro selber zahlen. Dies kann er sich von seiner Rente und Grundsicherung nicht leisten.


Ein Herz für Rentner e.V. leistet unbürokratisch Soforthilfe

In der tz las das Ehepaar vom Münchner Verein Ein Herz für Rentner, die sich für Rentner in Not einsetzen. Als der Antrag beim Verein ankam und Frau H. am Telefon nochmals detailliert von dem Unfall berichtete, war Sandra Bisping, 1. Vorsitzende des Vereins, entsetzt. „Wie kann man einen hilflosen Menschen einfach so liegen lassen? Egal ob er schmutzig ist oder nicht. Ich verstehe das einfach nicht. Das bringt doch schon der Anstand mit sich.“ Der Verein hat Herrn H. das Gebiss finanziert.